Leseprobe

Das Echo von Caracas

Arturo Luceño · Ein NOIR-Krimi

Prolog

Die künstliche Kälte im obersten Stockwerk des Centro Ciudad Comercial Tamanaco schnitt scharf gegen die feuchte Brutalität, die draußen über Caracas lastete. Die invertierte Betonpyramide des Einkaufszentrums thronte über dem Tal wie ein isoliertes Exil des alten Geldes, weit entfernt von den hängenden Stromkabeln und den steilen Treppen der nahen Barrios. Durch die raumhohe Glasfront beobachtete Salma das Flimmern der Mittagshitze, die den Asphalt der Autopista Francisco Fajardo zum Schmelzen brachte. Unten schob sich der Mahlstrom aus Blech stoßweise durch das Nadelöhr der Stadt, begleitet von schwarzen Abgaswolken, die wie giftiger Dunst zwischen den Hochhäusern hingen.

Salma hielt ein Glas in der Hand. Die Kühle des Kristalls an ihren Fingerspitzen war der notwendige Anker gegen das Chaos jenseits der Scheibe, an deren unterem Rand sich feiner Beschlag bildete. Dort kapitulierte die künstliche Ordnung vor der venezolanischen Luftfeuchtigkeit. Die Hitze dort unten ging sie nichts an. Das war ihre Form der Macht.

Cardo trat aus dem Halbdunkel des Flurs an den massiven Mahagonitisch. Die Stille im Raum wurde nur vom leisen, mechanischen Surren der Belüftung getragen, das den fernen Lärm von Hupkonzerten und Reggaeton-Bässen vollständig schluckte. Er legte ein Gerät ab, auf dem die digitalen Siegel der Nationalgarde für den Korridor grün pulsierten. Neben der Zeile für Tovar stand nichts. Seine Kieferknochen mahlten, während er auf Salmas Reaktion wartete. In seinem Kopf existierte nur ein Bild, ein dunkler Punkt im System, den drei Jahre Arbeit nicht kleiner gemacht hatten, doch im administrativen Kern blieb jedes Wort darüber ein unbezahlbares Risiko.


Weiterlesen: der Anfang des Romans

Der Prolog, dann die ersten Kapitel — Caracas zwischen klimatisierten Bürotürmen und der Plaza Venezuela. Dazu ein Glossar der venezolanischen Begriffe.

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Das Echo von Caracas erscheint am 12. Januar 2027. Band eins einer Reihe.